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Theater 1720-1750 (Gelesen: 3211 mal)
15.01.2014 um 12:25:02

Brissotin   Offline
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Das Theater der Aufklärung und nach der Gottsched'schen Reform ist ja recht bekannt. Recht wenig Stücke findet man allerdings aus der Zeit davor. Das liegt natürlich am Charakter des Stegreiftheaters. Das zum einen, zum anderen gab es noch kaum feste Theaterhäuser außer in den größten Residenzstädten.

Dennoch gab es schon wichtige Dramatiker in Deutschland wie die Neuberin(1697-1760), Gottsched (1700-1766), Frau Gottsched (1713-1762), Lessing(1729-1781), Kurz gen. "Bernardon" (1717-1784), Stranitzky (1676-1726), Prehauser (1699-1769), Gellert (1715-1769).

Lessing hat ja schon in ganz jungen Jahren in den 1740ern seine ersten Werke verfasst, die dann dadurch ausgezeichnet wurden, dass die Neuberin sie aufführte. Zu nennen wäre v.a. "Der junge Gelehrte", der noch von den Figurenzeichnungen her ganz in das frühe 18.Jh. passt und m.E. sogar noch Ähnlichkeit mit den Komödien Molières hat.

Ganz überwiegend scheint man aber auf französische Vorlagen zurückgegriffen zu haben wie es die Gottschedin tat - wenngleich sie ganz entscheidend diese Vorlagen auf die deutsche Verhältnisse ummünzte.
Sehr beliebt waren aber auch reine Übersetzungen z.B. von Marivaux und Regnards Stücken. Einmal ist mir eine Übertragung nach Florent Carton dit Dancourt (1661-1725) genannt "Die Zeitung" oder "Der Buchladen" von 1749 begegnet - sehr amüsant und wohl charakteristisch für das bessere, unterhaltsamere Theater der Zeit.

Gibt es irgendwelche Aufzeichnungen (Verfilmungen) von Inszenierungen dieser Haupt- und Staatsaktionen der bedeutensten Hans Wurst - Truppen aus der 1. Hälfte des 18.Jh.? Man liest überall davon, aber ich kann mir diese Stücke garnicht wirklich vorstellen.
 

Rameau, le plus grand musicien de France... (Voltaire)
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Antwort #1 - 25.03.2014 um 20:52:37

Brissotin   Offline
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Weniger bekannte Autoren:
Theodor Johann Quistorp - leider noch kein empfehlenswertes Stück gefunden.
Christlob Mylius - mäßig amüsanter Autor von Lustspielen.
Epharim Benjamin Krüger - wohl bekannt, aber auch nicht eben überzeugend.
Johann Elias Schlegel - empfehlenswert ist vor allem "Der geschäftige Müßiggänger"(1748).
Hinrich Borkenstein - sehr schön: "De Bookesbeutel" (1741).

Manches ist auch anonym erschienen wie "Die Caffe-Schale" (1748) von einem F.A.B., fand ich ganz nett für nur einen Ein-Akter. Smiley
« Zuletzt geändert: 25.03.2014 um 20:54:04 von Brissotin »  

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Antwort #2 - 28.03.2014 um 09:15:06

Bernhard   Offline
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Nachstehend Link zu einem Bild - Wanderbühne mit Hanswurst um 1750:
http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Wanderb%C3%BChne_mit_Hanswurst.JPG?uselan...
 
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Antwort #3 - 28.03.2014 um 21:31:54

Brissotin   Offline
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Ein schönes Bild, Bernhard. Sowas wäre auch mal was für eine Veranstaltung, wenn man nur besser bescheid wüsste wie damals wirklich gespielt wurde.

Ich orientiere mich bei unserem Theaterspiel ja soweit es geht bei der Art der Aufführung an Gemälde und das bisschen, was ich zur Aufführungspraxis weiß.

Das beste Spiegelbild des Theaters um 1750 bildet wohl die "Deutsche Schaubühne", zumindest was das Theater Gottschedisch/Neuberscher Prägung anbelangt. Schon die Auswahl an Autoren dafür ist bezeichnend: viele Stücke der Gottschedin, ein paar von Gottsched, dann J.A. Schlegel, Quistorp, Uhlich, Ludvig Hollberg (von Gottsched als "der nordische Terenz" gelobt). Trauerspiele und Lustspiele halten sich etwa die Waage, wobei die Lustspiele überwiegend nicht gereimt sind, während das Gegenteil auf die Trauerspiele zutrifft.
 

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Antwort #4 - 25.04.2014 um 20:24:58

Brissotin   Offline
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Wenn es interessiert, trage ich hier mal ein paar kurze Kritiken zum Theater der Zeit zusammen. Also das wären keine zeitgenössische Kritiken, sondern welche von mir, da die damaligen Kritiken doch teilweise sehr schwer, trocken zu lesen sind und man auch selber per Google finden kann.

Erstmal sollen primär meine Favoriten vorkommen.

Meine ultimative Lieblingstragödie ist bis jetzt "Sterbender Cato" oder damals auch oft nur als "Cato" bezeichnet. Gottsched orrientierte sich bei dem Trauerspiel an ein paar Vorbildern, wobei das von Joseph Addison (1672-1719) wohl das berühmteste ist. Wegen seinem Abkupfern wurde der "Cato" auch von Gottscheds Feinden verrissen, während Gottsched und seine Anhänger das Werk als eine Art Meilenstein in der deutschen Theatergeschichte priesen und dasselbe verteidigten. 1730 war es regelrecht revolutionär, v.a. wenn man bedenkt, dass in Dtl. damals v.a. die sogenannten Haupt- und Staatsaktionen mit Hans-Wurst-Einlagen die Bühnen dominierten. Gottsched wollte mit seinem "Cato" Maßstäbe setzen und tatsächlich war das Stück ein Erfolg und taucht immer wieder auf den zeitgenössischen Spielplänen auf. In der Tat hat es immerhin für sich, dass es weitaus stärker als die Schöpfungen von Gottscheds Huldigern wie Krüger (Vittichab und Dankwart) oder Quistorp (Aurelius) ist. Immerhin ist der Konflikt zwischen Catos Bürgersinn und der moralischen Verwerflichkeit des Selbstmordes packend. Die Verse sind überzeugend und teilweise wirklich schön. Etwas abgeschmackt wirkt allerdings eine Nebenhandlung mit einer Liebesgeschichte, die auch Züge einer Art Fremdkörper in dem ansonsten überaus heroischen Werk hat. Ceasar und Cato sind allerdings die Protagonisten und dem Zuschauer/Leser wird das schwere Los zuteil zu entscheiden, wessen Auffassung er eher zu teilen bereit ist. Der Schluss erschien mir regelrecht fulminant und überraschte in seiner Kürze.
Auf jeden Fall für Fans des Theaters des 18.Jh. ein Stück, das man gelesen haben MUSS.
 

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Antwort #5 - 27.06.2014 um 22:38:01

Brissotin   Offline
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Derzeit mein Lieblingslustspiel ist "Jean de France" von Ludvig Hollberg in der Übersetzung von Detharding.

Es ist eine typische Gegenüberstellung von positiven Figuren wie der moralischen Tochter eines biederen Mannes und dem verzogenen Sohn des Herrn Franz, der gerade aus Paris zurückgekehrt ist und den typischen Gecken darstellt. In seiner Dummheit nennt sich der französierte Deutsche Jean de France, weil er der Sohn vom Herrn Franz ist. Es gibt auch wie so oft zwei geschickte Dienstboten, welche dem Liebespaar durch ihre Bauernschläue zu ihrem Glück verhelfen, wobei die Dummheiten vom Jean das ihre beitragen, dass Ende alles gut ausgeht.
Höchst interessant sind die Charakterisierungen der Holländer als Teetrinker und der Engländer als Kaffeetrinker. Ansonsten viel Zeitkolorit wie stets bei Hollberg, weil er das Leben abbildete, wie er es tagtäglich auf der Straße sah. Nicht umsonst wurde er von Gottsched in seiner "Deutschen Schaubühne" als "nordischer Terenz" in den Dichterhimmel gehoben.
 

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Antwort #6 - 04.07.2014 um 20:05:02

Brissotin   Offline
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"Atalanta" ein Schäferspiel von Gottsched.

Ich war ganz erstaunt, denn mir hat bisher kein einziges Schäferspiel so wirklich zugesagt. Doch Gottsched ist ein Spagat zwischen Schäferspiel und deutschem (oder genauer obersächsischem) Lustspiel geglückt.

Die Hauptfigur ist die spröde Atalanta, die darauf beharrt, dass sie Liebe für unsinnig hält. Da Schäfer und Schäferinnen nunmal in jedem Schäferspiel eifrig herum tändeln, so ist sie darum um so schroffer zu all ihren Verehrern.
Gestört wird die immer sich wiederholende Folge von Abweisungen von Schäfern durch Schäferinnen durch das Auftreten Myrtills, der verwirrenderweise auch immer wieder als "Schäfer" bezeichnet wird, aber scheinbar in der Stadt gelebt hat. Dass er sich vornimmt, Atalanta stets abweisend zu begegnen und statt ihrer Doris nachzueilen, versetzt Atalanta das erste Mal in Erstaunen...

Der Ausgang ist herrlich, die Verse sowieso, denn darin war Gottsched ein Meister.

Wenn man sich das Genre mal antun möchte, da es einfach auch ein bisschen zum Zeitgeschmack gehört, dann hier mit Gottsched. Smiley
 

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