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Kleine Bälle des Adels (Gelesen: 3594 mal)
30.11.2009 um 20:16:01

Brissotin   Offline
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Wir haben ja schon mehrfach festgestellt, dass man unterschiedliche Ansichten davon hat, was ein Ball ist.

Nun wäre es doch interessant einmal zusammen zu tragen, was wir denn konkret über Bälle wissen. Das Beste wäre, man bekäme ganze Ablaufpläne und dergleichen anhand von historischen Vorbildern.

Ich muss selbst zugeben, dass mir immer nur Versatzstücke über Bälle bekannt sind. Die großen Hofbälle sind ja über Hofkalender oder Beschreibungen von Zeitgenossen überliefert, weil damit oftmals Vermählungen oder Krönungen oder ähnliche bedeutende Ereignisse des Hofes verbunden waren.

Einen kleinen Ball der Gentry findet man in Jane Austens "Emma" (1816). Zwar dürfte der Roman wohl eher nach 1790 spielen, auch wenn es leider keine konkreten Hinweise zum Handlungszeitpunkt gibt, aber es gibt eine ganz interessante Passage darin, die sich auf einen geplanten Ball bezieht.
Mr. Frank Churchill ist ganz erpicht darauf, einen Ball zu erleben und daher finden sich sein Vater Mr. Weston und seine Stiefmutter Mrs. Weston dazu bereit einen zu veranstalten. Es war damals in England üblich - und ich glaube auch schon von Beispielen in Deutschland gelesen zu haben - dass man die Bälle nicht in den eigenen vier Wänden feierte, wenn dazu kein Raum von den Dimensionen her hinreichte, sondern ein größeres Gasthaus mit einem entsprechenden Saal verwendete. In dem Falle heißt das Wirtshaus "Crown Inn" und dieses hat jedoch den Nachteil, wie sich herausstellte, dass sich neben dem Ballsaal nur ein "card-room" befindet. Bälle hatten schon seit sehr langem nicht mehr stattgefunden, weshalb man das "Crown Inn" nicht dafür erneuert hatte. Als Manko wurde erkannt, dass es keinen Raum für das "Supper" gab, wobei sich das damit erklärt wird, dass man zu der Zeit, als das "Crown Inn" für Bälle genutzt wurde, das Souper noch nicht als unumgänglichen Bestandteil eines Balles kannte. (Mr. Woodhouse, wohl um die 60, kannte die Mode des Suppers auch noch nicht in seiner Jugend, die also ca. in den 1770ern gewesen sein dürfte.)
Der Rest ist natürlich für uns halbwegs uninteressant.
 

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Antwort #1 - 01.12.2009 um 21:31:32

Martin_von_Dahn   Offline
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Einige interessante Aspekte über Tanz gibt es auch hier: http://mozartoper.at/content/view/107/56/lang,de/

Man beachte die Quellenangaben, vor allem das Buch von Monika Fink. Ich hörte schon davon. Hat das jemand?
 
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Antwort #2 - 04.12.2009 um 20:14:27

Brissotin   Offline
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Martin_von_Dahn schrieb am 01.12.2009 um 21:31:32:
Einige interessante Aspekte über Tanz gibt es auch hier: http://mozartoper.at/content/view/107/56/lang,de/

Man beachte die Quellenangaben, vor allem das Buch von Monika Fink. Ich hörte schon davon. Hat das jemand?

Das ist wirklich interessant, zumal darin die Verbindung Kartenspiel-Ball dargestellt wird, da im Redoutenhaus ursprünglich offenbar Pharaospiel und Tanz fest zu den Veranstaltungen zusammen gehörten.

Aber auch der private Ball in Mozarts Heim ist interessant, war er in seiner Wiener Zeit ja schon selber Adeliger.
 

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Antwort #3 - 17.07.2010 um 22:01:33

Martin_von_Dahn   Offline
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Martin_von_Dahn schrieb am 01.12.2009 um 21:31:32:
das Buch von Monika Fink. Ich hörte schon davon. Hat das jemand?

Ich hab's jetzt.
Eine Essenz dessen was ich daraus für unsere Zeit entnehme:

In deutschen Landen gab es verbreitet schlechte Tänzer (das können wir ja prima reenacten...).

Um die Jhd.-Mitte waren die englischen Longline-Tänze wenigstens im österreichischen Einflußgebiet (über Preußen schreibt sie nichts) am beliebtesten.

Als Eröffnung bei besonders vornehmen Bällen wurden immer noch Menuette getanzt.

Der "deutsche" Tanz kam auf, hatte aber den Ruf recht bäurisch zu sein. Er galt wohl eher als spaßiges Tanzvergnügen, wenn man nicht so sehr auf Repräsentation zu achten hatte.

In Frankreich war vieles anders. Dort wurden ab Mitte des Jhd.-s franz. Contredanses am beliebtesten, vor allem die Quadrille. In Deutschland konnte das aber kaum jemand.

Hausbälle wurden ab Mitte des Jhd.-s zunehmend beliebt und verbreitet. Öffentliche Bälle (meist Maskenbälle) verloren etwas an Bedeutung und kamen erst wieder in napoleonischer Zeit zu starker Verbreitung.
« Zuletzt geändert: 17.07.2010 um 22:03:18 von Martin_von_Dahn »  
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Antwort #4 - 07.12.2011 um 20:42:18

Brissotin   Offline
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Wenn auch keine kleinen Bälle, sind mir jetzt einige größere untergekommen.
Interessant ist für mich vor allem, dass die Bälle bei uns in der Regel scheinbar zu kurz sind.

Am Hof von Schwarzburg-Rudolstadt dauern die Bälle in der Regel bis etwa 2 Uhr Morgens.
Der Ball anlässlich des Gala-Tages zur Heimführung der Braut des Erbprinzen, am 10. Januar 1781, begann nach 6 Uhr Abends und dauerte bis nach Mitternacht. Das Mahl zuvor begann um 1 Uhr Mittags und endete gegen 4 Uhr. Zwischen 4 und 6 Uhr trafen bürgerliche Fräulein aus der Stadt ein, welche zu allen Bällen gebeten wurden.*
Anlässlich des Besuchs des Grafenpaares von Schaumburg-Lippe in Rudolstadt gab es auch einen Ball am 2. November 1780, der allerdings schon um 4 Uhr nachmittags begann und bis 2 Uhr andauerte.**
Es gibt aber auch kleine Bälle nämlich für die Prinzessin Wilhelmine Sophie Eleonore, die immer wieder zu ihren Geburtstagen in ihrer Jugend Bälle bekam. Am 22. Januar 1765 wurde sie 14; es gab zwei Geburtstagskuchen und Tafelsemmeln und danach bis 8 Uhr Abends einen kleinen Ball in zwei Vorzimmern. ***

Interessant fand ich das Vorgehen bei der Tafel anlässlich eines Balles, den das Weikersheimer Grafenpaar in Bad Ems während ihres Kuraufenthaltes am 8. Juli 1742 erlebte.
"... Die Gäste kamen um 6 Uhr masquiert zusammen, spielten etliche Stunden und um halb 8 Uhr wurde Paar und Paar Zettel gezogen und die große Tafel für 36 Personen serviret. ..." Danach kamen die Musiker dazu, die wohl von der Straße weggeholt hat, wie man es auch bei Wilhelmine von Bayreuth in ihren Memoiren findet. ****

Scheinbar gehörte - zumindest in den Quellen, die mir vorliegen - bei diesen Bällen immer ein großes Mahl dazu, auch wenn im Falle von Rudolstadt nicht alle daran teilnahmen.
Freilich waren solche Mahlzeiten bei den großen Bällen wie denen des Prince de Soubise, Königs von Frankreich oder Prince de Condé, an denen tausende Personen teilnahmen kaum machbar. Weiß jemand dazu mehr wie dabei die Mahlzeiten aussahen? Ich weiß, dass es etwas wie Buffets in Versailles gab, von denen man einen Imbiss zwischen den Tänzen einnehmen konnte.

*
Horst Fleischer: "Leben in der Residenz" Thüringisches Landesmuseum Heidecksburg, Rudolstadt, 1996
S. 198
**
ebenda
S. 196
***
ebenda
S. 144
****
Anja Stangl (dieser Abschnitt) :"Schloss Weikersheim in Renaissance und Barock" Staatsanzeiger Verlag, Stuttgart, 2006
S. 62
 

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Antwort #5 - 23.05.2014 um 21:20:48

Brissotin   Offline
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Weiß jemand, ob es auch bei privaten Haushalten regelrecht obligatorisch war, dass man zu den Bällen fast immer statt an der großen Tafel an kleinen Tischen speiste? Mir ist das sowohl in Rudolstadt als auch bei Lehndorff ausdrücklich erwähnt eigentlich laufend begegnet.
 

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